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Horace Burgess

Foto: Roger Smith Quelle: Flickr

„Baumhaus“ – normalerweise bezeichnet das eine Holzplatte in einem Baum, zu dem ein paar improvisierte Stufen hinaufführen –von Kindern für Kinder gemacht, ein kleiner Unterschlupf, der kaum ein Unwetter aushält. Horace Burgess‘ Baumhaus in Crossville, Tennessee hat hingegen schon mehrere Tornados überstanden und hat mit einem solchen Provisorium nicht mehr viel gemein: Das vermutlich größte Baumhaus der Welt ist zehn Stockwerke hoch und hat eine Fläche von tausend Quadratmetern. Die 98 im Bauwerk befindlichen Treppenstufen führen fast alle zu seinem Herzstück: Eine Kapelle, ausgestattet mit Altar und Kirchenbänken. Der dazugehörige Glockenturm ragt 30 Meter in den Wipfel einer 3,5 Meter breiten Weißeiche. Dass das bereits 14 Jahre andauernde Bauprojekt Gott gewidmet ist, ist nahezu unverkennbar.

Nachdem Horace Burgess als einer der letzten Soldaten aus dem Vietnamkrieg zurückkehrte, verbrachte er die wilden 70er in einer selbstgezimmerten Laube im Baum, immer bestens ausgestattet mit Drogen, Alkohol und weiblicher Gesellschaft. Dann trat Gott in sein Leben. Auf himmlische Anweisung hin brannte der Kriegsveteran die Laube nieder und begann die Bibel zu lesen. Auf der Suche nach Arbeit zog er durch die Südstaaten, lernte seine jetzige Frau kennen und kaufte Land in Crossville. Doch Gott wollte mehr von ihm: „Errichte mir ein Baumhaus“, lautete der göttliche Auftrag, der Burgers im Sommer 1993 ereile, „und ich sorge dafür, dass dir das Baumaterial nie ausgeht.“

„Horace’s Cathedral“ ist nicht nur für Gläubige ein beliebtes Ausflugsziel. Das ist auch den örtlichen Behörden aufgefallen – sie haben es kurzerhand gesperrt. Denn für eine Touristenattraktion ist zu hoch, zu unstabil und zu brandgefährdet. Jetzt versucht Horace Burgess das Problem zu lösen. Außerdem entspreche der Holztempel sowieso noch nicht Gottes Vorstellungen: Es fehlen Zisterne, Wasserfiltersystem, Stromversorgung und Aufzug. Da muss der inzwischen 63-jährige also noch einmal zu Hammer und Laubsäge greifen.



- Bericht von Marlene Thiele

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